| Die
Keramik aus Este des 18. und 19. Jahrhunderts
Aus
dem Katalog der Ausstellung uber die althergebrachte Keramik aus Este,
11. September – 4. November 1960, unter Leitung von Gino Barioli.
Im
großen und glorreichen Panorama das während des 18. Jahrhunderts
die Wiedergeburt der venetischen Keramik umfasst, ist Este durch eine
Anzahl von Herstellern und Kunstlern vertreten, die ohne Zweifel zu allererst
genannt werden mussen.
Bereits die beiden venezianischen Ausstellungen von 1936 und 1939 haben
dieser atestinischen Produktion Ansehen verliehen.
Die darauf folgenden Artikel, insbesondere die von Baroni und Morazzoni,
haben einige Aspekte, die im Dunkeln waren, aufgeklärt.
Großes Aufsehen erregte geraume Zeit die Veröffentlichung der
Erinnerungen und Dokumente, die von Adolfo Callegari uber einen langen
Zeitraum und mit viel Hingabe gesammelt worden waren: Es ist erfreulich
bei dieser Gelegenheit mitteilen zu durfen, dass diese Handschriften endlich,
und nicht zuletzt dank der Stadtverwaltung von Este, die sie erworben
hat, ans Licht kommen. Die Anregung dazu kam von Leonida Gorlato, der
zum vermeintlichen Vater der alten, sowie der modernen atestinischen Keramik
aufstieg.
Diese Ausstellung will deshalb noch einmal, und mit mehr Sorgfalt als
es in der Vergangenheit möglich war, die charakteristischen Aspekte
einer Produktion hervorheben, die sich häufig von den gleichaltrigen
Erzeugnissen der benachbarten Zentren von Bassano, Nove, Vicenza und Venedig
unterscheidet, mit denen man sie aber auch zuweilen verwechselt.
Nach einem langen Schweigen ähnelt die Wiederaufnahme der atestinischen
Keramik der Geburt der Minerva: Ganz unerwartet tauchen die Manufakturen
Brunellos, wie Jupiters Kopf entsprungen, auf, und zwar gleich mit der
Fähigkeit, Majoliken anzubieten, die mit den schon bekannten und
vom Volk wie auch der Regierung geschätzten Majoliken anderer venetischer
Regionen, konkurrieren können.
Die Überraschung ist leicht zu verstehen, wenn man berucksichtigt,
dass die vollständigste Dokumentation, die bisher gefunden wurde,
unter den beruhmten Akten des Prozesses von 1765 gefunden wurde. Diese
Akten mit vielen bemerkenswerten Einzelheiten geben Aufschluss uber den
homerischen Streit, der von „Antonibon von Nove“ gegen praktisch
die gesamte Konkurrenz gefuhrt wurde. In diesen bewegenden Unterlagen
erscheint zum ersten Mal in der Geschichte der venetischen Keramik des
17. Jahrhunderts der Name von Este. Es war vor allem Giovanni Brunello,
stolzer und ungestumer Gegner des Antonibon, der dem Gericht einen ausfuhrlichen
Bericht zur Verteidigung der Arbeiter, die aus Nove gefluchtet waren,
vorlegte.
Es ist angebracht einige Worte bezuglich dieser verworrenen Geschichte,
die alle Keramikproduzenten des Veneto betraf, zu sagen: Es kam vor, dass
die Unternehmer einen erbarmungslosen Konkurrenzkampf untereinander austrugen,
um mit Mitteln, wie Versprechungen und Prämien, Arbeiter einander
abzuwerben, um spezialisierte und qualifizierte Handarbeiter zu bekommen,
oder um an die „Geheimnisse“ der Herstellung der Tonware und
die Zusammensetzung der Farben heranzukommen.
Die Körperschaftsrichtlinien, die in dieser Zeit die Arbeit regelten,
billigten dem Arbeitgeber bestimmte Vorteile gegenuber dem Arbeitnehmer
zu, der an die Fabrik fur eine angemessene Anzahl von Jahren gebunden
war. Was uns heute als absurd und ungerecht erscheint, rechtfertigte man
damals mit der besonderen Gesetzgebung uber die Lehre, wie man dazu heute
sagen wurde, und die damals unter der Bezeichnung „Lehrzeit“
lief. Der junge Lehrling kam in die Fabrik ohne jede Vorstellung vom Beruf
und häufig (oder recht eigentlich immer) bar jeder kulturellen Bildung.
Der Fabrikant ubernahm seinerseits die Pflicht, ihn zu unterrichten und
ihn beruflich auszubilden. Daher die Rechte, die der Unternehmer oft uber
lange Zeiträume beanspruchte, auch wenn der Lehrling, inzwischen
zum Mann herangewachsen, im Stande war, sich selbst durchzuschlagen.
Wie wir sehen, handelte es sich um eine väterliche Form des Zusammenlebens
der Beteiligten, die nur Vorteile versprach, wenn beide Parteien guten
Willens waren.
Dieses Körperschaftssystem löste im Veneto die Bewegung der
„Mariegole“ oder „Madriregole“ (Grundregeln) der
venezianischen Kunste aus, die eine leistungsfähige Betriebsordnung
während des ganzen Mittelalters und der darauf folgenden Epochen
gewährte, insbesondere in der Hauptstadt, wo die Kontrolle einfacher
und gewissenhafter durchgefuhrt werden konnte.
In der ersten Hälfte des „Zeitalter der Aufklärung“,
auch dort, wo nicht die neuen Ideen aus Frankreich eindrangen, waren die
alten Gewohnheiten in Vergessenheit geraten und der Arbeiter war, nach
Erlernung seines Berufs, häufig versucht, sich von der Burde des
Paktes zu lösen.
Genau so trug es sich mit Aufsehen erregenden Vorfällen in den Fabriken
von Pasquale Antonibon zu, welche die Boten der Cozzi und anderer - unter
dem Siegel der Verschwiegenheit - den geheimen Treffen der Maler, der
„Töpfer“ und Stilisten zukommen ließen. Diesen
waren solche Mitteilungen sehr willkommen, ja von den Mutigsten und Ehrgeizigsten
geradezu erwunscht, da sie einen Weg zu höheren Einkunften und fraglos
mehr Unabhängigkeit ansteuerten.
Um das zukunftsweisende Jahr 1765 herum verließen viele die Tonbrennereien
von Nove, und manch einer unter ihnen genau in Richtung der Euganeischen
Hugel.
Wir kennen einige Namen dieses gerichtlichen Falles, die bis auf uns uberkommen
sind: neben anderen, die von Giovan Maria Ortolani, von Marco Antonio
Verziera und von einem gewissen Reatto. Ortolani hatte bei seiner Flucht
nur knapp seine Lehrzeit abgeschlossen, wobei er die Kunst der Bemalung
direkt von Antonibon erlernt hatte. Er stieg in der Folge zu einem geschätzten
Maler auf.
Verziera brachte es bis zum Direktor in der Fabrik Brunello (die sich
bis dahin keines besonderen Rufes erfreute) und verbesserte die kommerziellen
Geschäfte der Firma, wobei er nebenher seinen Beruf als Majolikamaler
nicht aufgab. Mit viel Geschick, brachte er die Produktion auf den letzten
Stand der Technik und nutzte mit Weitblick die Verbindungen, die auf seine
Zeit in Nove zuruckgingen.
Genau in dieser Zeit versuchte Antonibon die richtige Zusammensetzung
fur Porzellan und neue, geeignete Farben zu finden, um das bescheidene
und traditionelle Repertoire von gelb, blau und Mangan aufrechterhalten
zu können.
Zu den Neuigkeiten, aus denen Antonibon ein großes Geheimniss machte,
zählte sein Rot, ähnlich dem Korallenrot, mit dem er wunderschöne
und neue Effekte erzielte. Es brachte das Kuchengeschirr mit „barocken
Fruchten“ oder mit Chinoiserien und Vasen mit frischen Rokokomustern
zum Leuchten.
Verziera gelang es, sich Proben von dieser Farbe zu beschaffen und Antonibon
geriet daruber mehr denn je in Raserei.
Von großem Interesse waren auch der „Tonstaub“ und die
Zeichnungen, die Giovan Battista Gregori fur die Manufaktur von Nove vorbereitete.
All das geschah kurz vor dem Jahr 1765.
Das erklärt, warum es nicht leicht ist, aus dieser Produktionsreihe
Exemplare aufzutreiben, und wie diese Verwirrung in diesen Dingen gleich
zu Beginn der Estener Keramik im 17. Jahrhundert möglich war, wenn
man die enge Verbindung zu Nove im Auge behält.
Fugen wir noch hinzu, dass es verhältnismäßig einfach
war zu fälschen, da es nicht ublich war, auf den Majoliken Siegel
zu benutzen. Und dies war eine allgemeine Gepflogenheit: Venedig ahmte
Faenza nach, Antonibon seinerseits Venedig, aber auch Faenza, Lodi, Genua
und Mailand, jedoch
nur insofern, als es Majolika betrifft.
Jedenfalls gereichte dieser „Raub“ von Handwerkern und Materialien
nicht allein Este zum Vorteil: Schon der Vater von Pasquale Antonibon
hatte die bedeutende Dynastie von Nove gegrundet, indem er Modellbauer,
Maler und Töpfer von den Manufakturen des Veneto und aus dem Ausland
in einem Maße anwarb, dass in seiner Fabrik zeitweise Facharbeiter
aus Savona, Lodi, Mailand, Florenz, Venedig und aus Frankreich arbeiteten.
Mit einem gewissen „Monsieur“ Varion (französisch) erhielt
die atestinische Keramik ihren typischen Ausdruck, der sich hauptsächlich
durch die genialen Kreationen des Gerolamo Franchini auszeichnete, bis
sie schließlich so unverwechselbar wurde, dass es keiner Markierung
oder Kennzeichnung bedurfte, um sie von den anderen Produktionszentren
zu unterscheiden.
Pietro Varion, fahrender Kunstler in den italienischen Landen auf der
Suche nach Gluck, kultivierter Modellmeister auf dem letzten Wissensstand,
abenteuerlicher Experimentator, auch wenn nicht immer erfolgreich, war
zwischen 1749 und 1752 Modellbauer fur Porzellan in der beruhmten französischen
Manufaktur in Vincennes. Dann zog er uber die Alpen.
Möglicherweise stellte Antonibon fur die ersten Versuche mit Porzellan
1752 in Nove außer Franzosen auch eine Gruppe von Sachsen an. Es
scheint, dass die ersten Ergebnisse erfolgreich waren. Jedenfalls sieht
es so aus, als ob Varion 1760 noch in Nove tätig war und Versuche
unternahm, das feine französische Porzellan herzustellen. In der
Zwischenzeit hatte er enge Beziehungen mit dem Töpferkreis und heiratete
Fiorina, Tochter des Carlo Fabris, auch er Keramikhersteller. 1765 ist
er dann nachweislich immer noch bei Antonibon als Modellbauer und Töpfer
angestellt. Im selben Jahr, das die Abwanderung der Aufruhrer aus Antonibons
Nove nach Venedig, Este und Treviso erlebte, verließ auch Pietro
Varion, gefolgt von Fiorina, die als wertvolle Mitarbeiterin immer an
seiner Seite blieb, den Ort. Er geht nach Bologna, bleibt aber in Verbindung
mit den Geflohenen, die in Este, unter der Obhut von Giambattista Brunello,
Asyl gefunden hatten, da unter ihnen der Schwager Giambattista Fabris
war.
Die Irrfahrten Varions, der erklärtermaßen fähig war Porzellan,
„wie in Frankreich, Florenz und Wien im Handel“, herzustellen,
dauerten eine geraume Zeit. In der Zwischenzeit wurden seine Mischungen
in der Fabrik der Ippolita Meneghini in Angarano ausprobiert. Der Erfolg
wurde 1777 mit dem Gutachten der Ware durch die Funf Weisen besiegelt.
Er selbst kehrte allerdings nicht nach Bassano, wo er sich in dieser Zeit
aufhielt, zuruck, sondern ging, den hartnäckigen Bitten Brunellos
nachgebend, nach Este. Und es ist dieser Umstand, der zum Auftakt der
Geschichte des atestinischen Porzellans fuhrte. Beim Tode Brunellos, schloss
sich Varion an Franchini an und beim Tode Varions schließlich wurde
die Fabrik durch seine Witwe und den Teilhaber Antonio Costa weitergefuhrt.
Baroni, in einem seiner trefflichen Artikel, herausgegeben 1942 in der
Illustrierten „Emporium“ (Ausgabe des Januar, Seite 11-20),
brachte die Figur dieser interessanten Persönlichkeit ans Licht,
die doch zusammen mit Gerolamo Franchini der Grunder der atestinischen
Keramik ist. Leider ist das Hauptwerk Varions (nach Baroni), das seinen
Geschmack und seine technischen Fähigkeiten beschreibt, seit langer
Zeit auf rätselhafte Weise verschwunden. Man fand auch nicht die
Kopie in Ton, die vor nicht sehr entfernten Zeiten im Hause Franchini
zu sehen war.
Wir wollen hier den Triumph der Tafel mit dem Titel "Parnass"
erwähnen.
Es ist sehr wohl möglich, dass geplant war, die erste Kopie in Porzellan
zu brennen, was dann aber in Keramik verwirklicht wurde.
Es handelt sich um ein monumentales Objekt in zwei Teilen: einen Sockel
auf dem vier Putten, der fulligen und aufgeblasenen Art, miteinander verbunden
durch vier geflugelte Engel, abgebildet waren und die eigentliche Gruppe,
die von einem ziemlich niedrigen und breitkrempigen Rahmen à la
„Rocailles“ umgeben war, wie sie bei französischen, mehr
als bei unseren Keramiken ublich waren. Die Gruppe entfaltete sich auf
einer Art pyramidalem Hugel und Baroni findet Ursprunge dieser Komposition
in Pariser Modellen, die vom Kunstler in seiner Jugend studiert worden
waren. Everardo Titon aus Tillet, Mitglied des Parnass, der 1721 beabsichtigte
auf einem Platz in Paris, zum Ruhme Ludwigs des XIV, eine Statue, die
von Liugi Garnier in Bronze gegossen werden sollte, zu errichten. Außer
dem generellen Plan, stammen von letzterem auch die Motive der Figuren
und ihre Darstellung, die durch die Eigenschaften und das Verhältnis
zwischen Apollo und Pegasus, sowie durch das traditionelle Motiv des daruber
thronenden Lorbeerbaums, vorgegeben waren.
Von rein französischer Erfindung war also dieser mythische und unauffindbare
Parnass, sodass selbst Varion ihn in Erinnerung an die Bronze von Paris
neu kreierte, als er sich, angeregt durch den Druck von Audran oder durch
die späteren Drucke von Tardieu, inspirieren ließ. Drucke,
die ubrigens in Italien und im Veneto recht bekannt waren.
Es war immer noch der Geist des Parnass’, durch den die kleine plastische
Keramik vorherrschend und ausschlaggebend wurde.
Die Figurchen der Musen sind auf einem idyllischen Rasenplätzchen
dargestellt, umgeben von Putten, geografischen Globen, Musikinstrumenten;
uber denen sich die Taubenflugel des Pegasus ausbreiten und noch daruber,
mit einem Nimbus umgeben, wie eine indische Gottheit, Apollo mit seinem
Zepter. Zu oberst erhebt sich ein Bäumchen mit den vielsagenden Blättern
von einst. Es ist eine uberladene und zugleich stimmungsvolle Komposition,
die sicherlich damals großen Erfolg gehabt hat.
Bereits in den einzelnen Figurchen dieser kleinen „Komposition“
bemerkt man deutlich die „Handschrift Varions“, der großen
Erfolg mit den Miniaturgruppen und den allein stehenden Abbildungen hatte,
in einem Maße, dass man in Nove noch lange fortfuhr bestimmte Figuren,
die in großer Zahl hergestellt wurden, mit dem Namen „Varion“
zu bezeichnen. Diese Darstellungsweise wurde unter dem Namen „glattpolierte,
grazile Kleinode“ geboren.
Diese Figurchen haben klizekleine Hände und Fuße mit Armen
und Beinen, die sich wohlgeformt erweitern und in den Rumpf ubergehen.
Das Ergebnis ist eine zuruckhaltende, graziöse und sinnliche Anatomie,
ganz der französischen Hefe entsprechend, die gärend, wurzig
und glänzend ist, wie die des Piazzetta, die das befreite Jerusalem
darstellt.
Sie geben im ubrigen denselben Aufbau wieder. Zu dieser Art zählen
auch „Die Siegesgruppe“ und „Die Kunst des Friedens“,
die einen Helden im Industrie-Museum in Hamburg umgeben, wie man im Gegensatz
zum Entwurf des Littret sehen kann, der das Grabmal von „Marie-Josephine
von Sachsen und die Delphine“, einer Zeichnung von Schenan entnommen
hat.
Die Miniatur „Venus und Vulkanus Erscheinung“ (sie befindet
sich in gelblichem Porzellan im Victoria and Albert Museum in London,
aber es wird auch berichtet, dass ein Exemplar in weiß-grauem Porzellan
- und damit aus Nove – auf der Ausstellung 1954 in Vicenza zu sehen
war), gehört, wie es scheint, einer späteren Epoche an, einer
Zeit, als nämlich die venetischen Drucke und das Zusammenleben mit
den ventischen Kunstlern Varions Erinnerungen an seine Lehrzeit in Paris
und Vincennes sicherlich bereits getrubt hatten, da diese Darstellung
weniger wurdevoll und zugleich die Zusammenhänge der Komposition
gleichmäßiger und geschlossener sind.
Was bleibt, ist dieselbe grundsätzliche Genauigkeit des expressiven
Ausdrucks, dieselbe Meisterhaftigkeit der anatomen Linienfuhrung. Das
Material ist rein, elegant und glänzend, ausgesucht kostbar.
Wertvolle Beispiele sind diese Miniaturen und Figurchen hinsichtlich des
Zusammenflusses von nicht nur französischen Einflussen, sondern auch
von deutschen und solchen aus Wien in unserem Veneto.
Man darf nicht vergessen, dass die Manufakturen von Sachsen und Wien zu
dieser Zeit eine fuhrende Stellung in Europa einnahmen, und dass sie von
denen nachgeahmt wurden, die im Begriff waren, neue Porzellanmanufakturen
aufzubauen.
Mit Varion beginnt im Keramikbereich auch ein zweiter Genius, nämlich
der von Gerolamo Franchini aufzusteigen. Es gehört sogar zur Tradition,
dass davon ausgegangen wird, dass die beiden im Parnass bereits zusammengearbeitet
haben.
Auch wenn es grundsätzlich möglich ist, kann man sich doch nur
schwerlich vorstellen, wie eine Persönlichkeit, wie die von Franchini,
sich an die, von der Ausbildung und den Neigungen her ganz und gar verschiedenen
von Varion, anschließen konnte.
Handelte es sich fur Gerolamo um eine Gelegenheit sich in die Mysterien
der Keramik einzufuhren? Es sieht fast so aus, da Werke aus dieser Zeit,
die man ihm zuschreiben könnte, sich um tausend Meilen vom französischen
Stil entfernt sind.
Die gesicherten Beispiele sind wenige, aber nachweisliche.
Hierher gehören die Miniaturstatuen von Roncegno (zwei andere Exemplare
waren bereits in der Kollektion der Gräfin von Bessborough in London),
die „Die Unbefleckte und den Evangelisten Johannes“ darstellen.
Entscheidend sind die Vorarbeiten des Bildhauers, die Sensibilität
des bewegten und nachempfundenen Entwurfs, die seine Vertrautheit mit
der Arbeit des Metallgießens durchblicken lassen. Baroni vergleicht
diese Statuen mit der „Heiligen Cäcilie“ des Venezianers
Bartolomeo Trevisani. In diesem Fall kann man allerdings schwerlich von
kleiner Bildkunst sprechen, wie dies fur Varion zutrifft, sondern von
großer, und es ist zudem der Auftakt einer neuen Ära. Hier
handelt es sich nicht mehr um die anmutige Erzählung, das ländliche
Motiv oder die verspielte Allegorie, wie die „Kleine Arie“
von Metastasio.
Auch wenn bis zur Gußform vom Meister kontrolliert, litten die Arbeiten
der Franchini Manufaktur doch stark unter dem Einfluß des Canova.
Wir entdecken in ihnen eine Ruckbesinnung auf unsere große figurative
Tradition des 15. Jahrhunderts. Hier kommen wir Corradini sehr nahe, wenn
auch die Seele des Töpfers bei Campagna weilt. Wir beziehen uns hier
auf das Werk des „Heiligen Hieronimus“, das Baroni wiederhollt
als eine Kopie der Elfenbeinskulptur (Museum Munchen) von Antonio Leoni
bezeichnete.
Aber hier sind wir auch schon in der Zeit des Giuseppe Bernardi-Torretti.
Die Zeit fliegt und der sich anbahnende Neoklassizismus nimmt greifbare
Formen an, wandelt ihn zum allgemeinen Geschmack und diktiert eine Gesetzmäßigkeit,
die die Keramiker von Este mit all ihren Konsequenzen ubernehmen.
Das ist es, was die endlosen Serien von Medaillons und die weißen
Gegenstände in „Biskuitform“ in Porzellan und Steingut
erklärt, mit den mythologischen Szenen, den Fratzen, Köchern,
Pfeilen, den canovanischen Motiven, die das ganze kommende Jahrhundert
hindurch wiederholt werden, und mit den Abänderungen und Zusätzen,
die nach und nach der Wechsel der Mode diktiert.
Das ist auch der Grund, fur die enorme Aufwertung des weißen Porzellans
und Steinguts, und für die Verdrängung der schwarzen Majolika
und Steingut.
Seite an Seite mit diesem Brauch der Hersteller werden die Serien der
Figurchen des 17. Jahrhunderts wieder aufgegriffen und weiterentwickelt,
und auch originalgetreu mit den alten Drucken reproduziert; dies alles
mit gefärbten Nippes, marmorisierten Apothekergefäßen,
Kuchengeschirr in gedämpften Farben, mit Krönchen in Relief
oder Farben verzierten Vasen, frisch und lebhaft.
Und noch heute ist es nicht schwierig, den Tonstaub von Nove in den volkstumlichen
Tellern aufzuspuren, da nicht nur die Auswahl der Motive, sondern auch
die Zeichnung unverwechselbar sind. Im Unterschied dazu, insbesondere
hinsichtlich der gebrochenen Farben einer Skala, in der gelb und orange
vorwiegen, gebunden an ein „Schema des Auftrags“, das einen
marmorisierenden Effekt hervorruft, steht die Keramik aus Este.
Sie ist zu einer großen Tradition geworden, die bis auf unsere Tage
nicht in Abrede gestellt wird, und die von Männern guten Willens
mit großen Opfern, jedoch mit glänzenden Erfolgen aufgegriffen
wurde, wie das neuerliche und moderne Aufbluhen der atestinischen Manufakturen
beweist, die sich um „Estes Keramik und Porzellan“ des G.B.
Giorgini ranken.
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